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  • Bericht von der 55. Bundestagung des BVSI 2017 in Bremen

Die 55. Bundestagung des BVSI in Bremen - "ein Meilenstein"

(HW; Fotos AR) "Meilenstein für die Verbandsentwicklung" und "Fulminant" – das waren die Worte, die die Vorsitzende des Bundesverbandes der Verwaltungsschulen und Studieninstitute, Gesine Wilke, zum Abschluss der Bremer Bundestagung vom 6. bis 8. November 2017 fand. Und damit meinte sie natürlich nicht nur, dass die einschließlich des Rahmenprogramms sehr dichte Tagung außerordentlich gut besucht und abwechslungsreich war, sondern vor allem die inhaltlichen Ergebnisse:

  • Auf der 55. Bundestagung wurde mit dem KOMPETENZ-RAHMENPLAN FÜR DIE AUFSTIEGSFORTBILDUNG erstmalig eine gemeinsame Grundlage für eine der Kernaufgaben der Verwaltungs-Qualifizierung beschlossen.
  • Es wurde deutlich, dass der Verband in dem endlich Fahrt aufnehmenden Diskussionsprozess über die berufliche Bildung im öffentlichen Dienst seinen festen Platz hat.
  • Und die Tagung dokumentierte eindrucksvoll, dass sich der Verband der Digitalisierung der Verwaltung und den daraus resultierenden Qualifizierungsanforderungen stellt.
Titelbild des Kongresses: Bremer Rathaus, Roland und Marktplatz, gif, 167.1 KB

Zum Beginn der Bundestagung begrüßten der Bremer Verwaltungsschuldirektor Holger Wendel und seine Kondirektorin Dr. Patricia Grashoff ihre Gäste bei strahlend blauem Himmel auf, wie es sich in Bremen gehört, dem Marktplatz "beim Roland". Sie trauten sich im Anschluss, ihre Gäste auf einen "selbst geführten Spaziergang" rund um den Marktplatz einzuladen und so ein wenig von der historischen Schönheit, aber auch von der Geschichte, vom Geist der Freien Hansestadt und von der Verbundenheit der Bremer Verwaltungsschule mit ihrer Stadt zu vermitteln.

Senatsempfang im Bremer Rathaus

Einladung zum Senatsempfang, JPG, 12.7 KB

Erster richtiger Programmpunkt war dann der Empfang im Rathaus, mit dem der Senat den Verband und die Verwaltungsschule ehrte. Henning Lühr, Staatsrat bei der Senatorin für Finanzen, die in Bremen für das Personalmanagement einschließlich der Ausbildung zuständig ist, begrüßte die Teilnehmer*innen und hob u.a. die große Bedeutung hervor, die in den Augen des Senats gerade in Zeiten der umfassenden Verwaltungsmodernisierung und knapper Ressourcen die gute Ausbildung und Weiterqualifizierung des Personals habe.

Staatsrat Lühr im Kaminsaal vor den Gästen des Senatsempfangs, jpg, 51.3 KB
Staatsrat Lühr im Kaminsaal vor den Gästen des Senatsempfangs

Staatsrat Lühr ging in seiner Rede auch auf die Geschichte und die ambivalente aktuelle Situation Bremens als wachsender, wirtschaftsstarker und reicher Stadt mit überdurchschnittlich vielen wohlhabenden Bürger*innen einerseits und als finanzschwachem, haushaltsnotleidendem Land mit vielen sozialen Problemen in Teilen der Bevölkerung andererseits ein. Im launigen Teil seiner Ansprache „outete“ er sich als „Teil der Verwaltungsschulbewegung“ – bis 1991 war er zu Beginn seiner Karriere selbst stellvertretender Leiter der Verwaltungsschule.

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Die Bremer GPR-Vorsitzende Doris Hülsmeier

Doris Hülsmeier sprach als Vorsitzende des Gesamtpersonalrats für die Beschäftigten des Landes und der Stadtgemeinde Bremen ein Grußwort an die Teilnehmer*innen, in dem sie auch aus der Sicht der Beschäftigten die Wichtigkeit einer guten Ausbildung und motivierender, zur persönlichen Weiterentwicklung beitragender Aufstiegsmöglichkeiten betonte. Und sie fand sehr wertschätzende und warme Worte für die Qualität und die menschlich-pädagogische Seite der Arbeit der Bremer Verwaltungsschule. Besonders wichtig sei ihr, dass sich die Verwaltungsschule auch als „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“ verstehe und immer wieder gesellschaftliche Herausforderungen annehme.

Staatsrat, Gesine Wilke, Holger Wendel (v.l.), jpg, 25.4 KB
Staatsrat Henning Lühr, die BVSI-Vorsitzende Gesine Wilke, der Bremer Verwaltungsschuldirektor Holger Wendel (v.r.)

Holger Wendel dankte, brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass so viele Vertreter*innen der Bildungseinrichtungen (50) und der kooperierenden Verlage, Begleitpersonen und Gäste (u.a. Armin Duttine vom ver.di-Bundesvorstand), insgesamt 75 Personen der Einladung nach Bremen gefolgt waren … und leistete ein wenig Dolmetscherdienste für seine Kolleg*innen aus den Flächenstaaten – z.B. dass der Senat die Landesregierung ist, dass Minister*innen in Bremen Senator*innen heißen, dass es keine Staatssekretär*innen gibt, sondern Staatsrät*innen, und dass es etwas kompliziert sei, weil im Zwei-Städte-Staat Freie Hansestadt Bremen die eine Stadtgemeinde – Bremerhaven – eine eigene Stadtverfassung habe und auch lebe, während für die andere – Bremen – der Senat und viele Behörden zugleich Landes- und Kommunaleinrichtungen seien, so dass z.B. die Verwaltungsschule sowohl Landes- als auch kommunale Aufgaben wahrnehme.

Gruppenbild der Tagungsteilnehmer*innen in der Oberen Rathaushalle, jpg, 142.3 KB
Gruppenbild der Tagungsteilnehmer*innen in der Oberen Rathaushalle

Rathaus-Führung

Nach einem Glas Sekt führte Dr. Enzo Vial, im Hauptberuf Referatsleiter in der Senatskanzlei, die Teilnehmer*innen kompetent und geistreich durch das Weltkulturerbe Bremer Rathaus, in dem "Geschichte zu Architektur geworden" sei und in der sogar der größte Ölschinken – ein in Lebensgröße gemalter gestrandeter Zwergwal von ansonsten untergeordneter künstlerischer Qualität – hohe symbolische Bedeutung habe.

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Die obere Rathaushalle

Alles in allem konnte dieser Rathausaufenthalt den Gästen vielleicht eine Idee davon vermitteln, dass es sich bei dem tief verwurzelten Wunsch der Bremer*innen nach Erhalt ihrer Selbständigkeit jedenfalls nicht nur um einen modischen Gegenwartsspleen handelt, sondern dass dahinter eine fast schon tausendjährige Tradition steht, die bestimmt nicht leichtfertig aufgegeben werden dürfe…

Fotos vom Senatsempfang

Kosten und Essen im Bremer Ratskeller

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Eine Begrüßung durch den spürbar stolzen und für seine Weinwelt brennenden Ratskellermeister Karl-Josef Krötz im Bremer Ratskeller, der mit seinem alten Weinbestand (15. Jahrhundert!) und mit der hier im Norden nicht vermuteten größten Auswahl deutscher Weine glänzt und einige Huldigungen großer weinseliger deutscher Geister (u.a. Heinrich Heine und Wilhelm Hauff mit seinen "Phantasien im Bremer Rathskeller") vorweisen kann, und ein gemeinsames Abendessen im dortigen Hauff-Saal (dankenswerter Weise gesponsert von der SPARKASSE BREMEN) rundeten den ersten Abend ab.

Die Tagung...

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Am Dienstag begann dann die eigentliche Tagung im [FETTSchütting], dem traditionellen Sitz der Bremer Kaufmannschaft. Deren Motto - in Stein geschlagen über dem Portal - lautet "buten und binnen, wagen und winnen", was, so Gesine Wilke in ihrer Begrüßung, durchaus auch das Motto des Kongresses werden dürfe...

Blick ins Plenum, jpg, 119.8 KB
Blick ins Plenum

Beschlossen: der Kompetenzrahmenplan für die Aufstiegslehrgänge

Die Teilnehmenden bei der Abstimmung über den Rahmenplan, jpg, 50.7 KB

Ganz oben auf der Tagesordnung stand der KOMPETENZRAHMENPLAN FÜR AUFSTIEGSLEHRGÄNGE.
Holger Wendel begründete als Sprecher des Arbeitskreises „Zukunft der Ausbildung“, der den Text erarbeitet und abgestimmt hatte, die Beschlussvorlage. Im Vorjahr in Magdeburg war der Plan bereits im Entwurf akzeptiert worden und lag nun in einer noch mal ergänzten und redigierten Fassung vor. Ohne erneute Aussprache wurde er – bei zwei Enthaltungen – ohne Gegenstimmen beschlossen.

Inhalte

Der Rahmenplan nennt, orientiert an den einschlägigen Empfehlungen des Bundesinstituts für Berufsbildung, gemeinsame "Input"-Anforderungen (Stundenumfang) an die Qualifizierung und "Output"-Erwartungen an die Prüfungen. Vor allem aber definiert er in drei Kompetenzbereichen (Methoden- und Sozialkompetenzen, Recht- und Politik-bezogene Kompetenzen, wirtschaftliche und Verwaltungsmanagement-Kompetenzen) auf acht Handlungsfeldern in 31 Bausteinen Kompetenzziele, die die Lehrgangsabsolvent*innen erreichen und nachweisen sollen.

Rahmen - Leitplanken - Klammer

Holger Wendel begründet die Beschlussvorlage, jpg, 38.9 KB
Holger Wendel begründet die Beschlussvorlage

Der Plan bietet einen Rahmen, der vor Ort entsprechend der jeweiligen Bedingungen, pädagogischen Konzepte und in Abstimmung mit den jeweiligen Trägern ausgefüllt werden muss.
Um die gemeinsamen Ziele – mobilitätserleichternde Vergleichbarkeit der Abschlüsse, gleiche Wertigkeiten im DQR-System (Niveau 6) und damit Gleichwertigkeit mit einem akademischen Bachelorabschluss, gleiche Anrechenbarkeit und Durchlässigkeit zur akademischen Bildung, gleiche Anschlussmöglichkeiten zur nächsten Qualifikationsstufe und Tätigkeitsebene (Niveau 7 und höhere Funktionsebene) – erreichen zu können, müssen die "Leitplanken" jedoch beachtet werden. –

Den Teilnehmer*innen war klar, dass sie mit dem Rahmenplan keine verbindliche Normierung beschließen, aber immerhin – "knapp unterhalb der Regelungsebene" - Richtlinien für eine faktische Vereinheitlichung, die die systematische rechtliche Vereinheitlichung deutlich erleichtern kann. Wendel hofft auf die oft strapazierte "normative Kraft des Faktischen". Er betonte, dass eine besondere Bedeutung dieses Planes in der vereinheitlichenden und systematisierenden Verklammerung der beiden in der deutschen Verwaltung koexistierenden Qualifizierungssysteme (Verwaltungsfachwirt nach Berufsbildungsgesetz und Verwaltungslehrgang II nach öffentlichem Tarifrecht) liege, die sonst niemand so richtig auf dem Schirm habe. Ebenso bedeutsam: Die ausdrückliche Bezugnahme zum allgemeinen beruflichen Bildungssystem und damit das Bekenntnis, sich dessen Herausforderungen stellen zu wollen.

Prof. Weidemann und Gesine Wilke würdigen Prozess und Ergebnis

Holger Weidemann bei seiner
Holger Weidemann bei seiner "Laudatio"

Prof. Holger Weidemann vom Niedersächsischen Studieninstitut, selbst an der Erarbeitung des Planes beteiligt, würdigte die Beschlussfassung als einschneidendes Ereignis. Er erinnerte an den langjährigen Prozess und wertete den Plan als Zeichen neuen Denkens und Handelns, aber auch eines neuen Selbstbewusstseins im Verband angesichts deutlich gewachsener Herausforderungen. Er dankte besonders dem Arbeitskreis „Zukunft der Ausbildung“ für dessen Arbeit und nannte, neben dessen Sprecher, namentlich insbesondere Julia Kolkmann aus Magdeburg und Birgit Moldenhauer, die maßgeblich zum Gelingen beigetragen hätten.-

Die BVSI-Vorsitzende Gesine Wilke, jpg, 33.3 KB
Die BVSI-Vorsitzende Gesine Wilke

Gesine Wilke unterstrich, dass die Arbeit jetzt auf neuem Niveau neu losgehe: Umsetzung durch die Studieninstitute und Verwaltungsschulen – und Aufnahme des Dialogs mit den örtlichen und überregionalen Entscheidungsträgern, mit zuständigen Stellen, kommunalen Spitzenverbänden, Tariforganisationen des öffentlichen Dienstes, Gewerkschaften und anderen Akteuren der beruflichen Bildung – ein Prozess, der nur zu leisten sei, wenn sich viele beteiligen.

Tätigkeitsbericht des Arbeitskreises "Zukunft der Ausbildung"

Mitarbeit beim Bundesinstitut für Berufsbildung

Holger Wendel nutzte seinen Bericht über die Tagungen, Themen und Aktivitäten des Arbeitskreises, um die Bundestagung über ein Projekt des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zu informieren, an dem Mitglieder des AK mitgearbeitet haben. Das "Einführungsprojekt" thematisiert die Situation der beruflichen Bildung im öffentlichen Dienst. Der BVSI wurde in den Projektbeirat berufen – eine schöne Anerkennung seiner Arbeit und natürlich eine Chance, daran mitzuwirken, etwas im Sinne seiner Teilnehmenden und Kund*innen zu bewegen.

Das Projekt wird im Januar 2018 abgeschlossen und habe, so Wendel, schon jetzt eine Menge verdienstvolle Impulse gebracht. Als Herausforderung für Verwaltungsschulen und Studieninstitute bezeichnete er, dass in den Augen vieler Berufsbildungsakteure offenbar immer noch Verwaltung als rückständig und Verwaltungsausbildung als verrechtlichte Paukpädagogik wahrgenommen werden. Als modern akzeptiert werde leichter, was sich an Privatwirtschaft orientiere und mit Betriebswirtschaft zu tun habe. Eine Fehleinschätzung, meint Wendel, und eine Geringschätzung rechtstaatlichen Handeln.

"Verwaltungsbeschäftigte sind keine Kaufleute!"

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Holger Wendel bei seinem Plädoyer für eine wertebasierte Ausbildung

Bei aller Bedeutung von Ressourcenbewusstsein – Verwaltungsmitarbeiter*innen seien keine Kaufleute; der unverzichtbaren und weiter zu optimierenden Bürgerorientierung der Verwaltung liege eben keine letztlich auf Gewinn zielende Kundenphilosophie zugrunde, sondern ein an der Verfassung und den Staatszielen orientiertes, ganz besonders der Menschenwürde verpflichtetes, wertebasiertes Aufgabenverständnis. Aufgabe der Verwaltungspädagog*innen müsse es sein, ein modernes Berufsethos ebenso wie ein zeitgemäßes Verständnis von Rechtsanwendung und didaktischer Rechtsvermittlung so zu kommunizieren, dass es für andere plausibel nachvollziehbar sei und der öffentliche Dienst sein miefiges Image überwinde.

Institutionelle Schwäche der öffentlichen Verwaltung

Evident sei – so auch das Zwischenfazit des BIBB – die institutionelle Schwäche der öffentlichen Verwaltung in Bezug auf die berufliche Bildung. Berufsbildung wird auf Bundesebene geregelt. Dort sind Länder und Kommunen, Tarifgemeinschaften und kommunale Spitzenverbände in Sachen Berufsbildung jedoch kaum präsent. Und der Bund regele im Wesentlichen nur seine eigenen Angelegenheiten. Es fehle etwa ein Pendant zum Kuratorium der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung – ein Kompetenzzentrum, in dem die deutschen Verwaltungen ihre Anliegen abstimmen und bündeln und das als Ansprechpartner für das BIBB und die Sozial- und Ausbildungspartner dienen könnte.

Die ver.di-Initiative

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Armin Duttine vom ver.di-Bundesvorstand

Ver.di hat im Projekt einen Tarifvertragsvorschlag für eine „Systematische Qualifizierung für die Kommunalverwaltungen“ vorgestellt, dessen Basis Ausbildung und Aufstiegsfortbildung sind, um Durchlässigkeit und Anschlussmöglichkeiten zu gewährleisten. (Den Beitrag von Arnim Duttine auf der BIBB-Expertentagung können Sie hier (pdf, 903.5 KB) downloaden.)

Die Beschäftigung damit kann nach Auffassung von Holger Wendel wichtige Impulse für die Verbesserung der beruflichen Bildung in der öffentlichen Verwaltung bringen. Wendel bedauerte jedoch aus Sicht der sowohl kommunal als auch staatlich wirkenden Einrichtungen, dass das ver.di-Papier die Landesverwaltungen nicht berücksichtigt und den staatlich geprüften Aufstieg („Verwaltungsfachwirte“) ausklammert.

Neuordnung der Verwaltungsfachangestellten-Ausbildung?

Der Beruf des/der Verwaltungsfachangestellten, der Kernberuf der Verwaltung auf der mittleren Funktionsebene, wurde zuletzt vor 20 Jahren neu geordnet – eine sehr lange Zeit, wenn man allein die technologischen und arbeitsorganisatorischen Entwicklungen betrachtet. Und wenn man Bürgerorientierung ernst meint, dann muss auch berücksichtigt werden, dass die Gesellschaft heute unter Diversitätsgesichtspunkten eine ganz andere ist als vor 20 Jahren. Möglicherweise wird das BIBB-Projekt am Ende eine Neuordnung empfehlen; aus Sicht der Verwaltungsschulen und Studieninstitute, die mit ihrer dienstbegleitenden Unterweisung faktisch ein dritter Lernort in dieser dualen Ausbildung sind, spräche vieles dafür.
Auf einer Expertentagung beim BIBB hat Holger Weidemann für den BVSI Position bezogen, den Ausbildungsberuf VFA als Erfolgsmodell bezeichnet und deshalb die Frage verneint, ob die Ausbildung "unter Druck" stehe; bejaht hat er dagegen Anpassungsbedarfe. Schon vor drei Jahren hat der BVSI in seiner "Esser Erklärung" bekräftigt, dass der Ausbildungsberuf beibehalten werden müsse, und zwar als grundsätzlich dreijährige Ausbildung mit DQR-4-Niveau, als Generalisten-Ausbildung mit hinreichend Rechtsanwendungskompetenz, aber auch mit ausgeprägten verwaltungsbetriebswirtschaftlichen und IT-, Sozial- und Selbstkompetenzen.

Mitgliederumfrage zu dienstbegleitender Unterweisung und Prüfung

Die Erarbeitung des Rahmenplans zur Aufstiegsfortbildung hat der BVSI 2015 mit einer Mitgliederumfrage vorbereitet. Das hat sich bewährt und soll nun zur VFA-Ausbildung wiederholt werden. Um sich auf die Neuorientierung einzustellen, hat der Arbeitskreis einen Fragebogen erarbeitet, mit dem der Status Quo erhoben und Veränderungsbedarfe ermittelt werden sollen. Holger Wendel bat Verwaltungsschulen und Studieninstitute, die Umfrage bitte bis Ende November abzuarbeiten. Dem Fragebogen vorangestellt seien Erläuterungen, die anhand der Ausbildungsordnung die wichtigsten Bestimmungen für die dbU darstellten.

Die Agenda des Arbeitskreises im nächsten Jahr

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Abschließend stellte Holger Wendel die Agenda des Arbeitskreises im kommenden Jahr vor: Mitarbeit im BIBB-EP:ÖD, Umsetzung des VFW/VL II-Rahmenplans, Unterstützung bei DQR–Zuordnung zu Niveau 6, die Neuordnung VFA, die dbU der Kaufleute für Bürokommunikation, die Digitalisierung der Verwaltung und ihre Auswirkung auf Kompetenz Qualifizierung und das Thema Qualitätssicherung - viel Stoff für einen Arbeitskreis, der sich nur dreimal im Jahr trifft...

Unterbrechung...

Weinwette und Kohlpreis

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Bevor die geistige Nahrungsaufnahme übermächtig wurde, lobte der spätere Gastreferent Henning Lühr erst mal ein selbst verfasstes Grünkohl-Kochbuch ("Pflanze mit Migrationshintergrund") aus - anknüpfend an den vorhergehenden Abend für denjenigen, der am besten die Flaschenbestände des Bremer Ratskellers schätzt...

- and the winner is...

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Horst Knechtel räumt ab

...man möchte fast sagen "natürlich" - der Leiter des Hessischen Verwaltungsschulverbandes Horst Knechtel - dabei kommt der meiste Bremer Wein von der anderen Rheinseite ;-). Bitter für die Rheinland-Pfälzer...

von Wein und Kohl

Digitalisierung der Verwaltung – der ausbildungsbestimmende Megatrend?!

Danach wurde es wieder ernst:

Die Bremer Tagung markierte für den BVSI eindrucksvoll die Hinwendung zu einem Thema, das die Bildungseinrichtungen der öffentlichen Verwaltung in den nächsten Jahren stark beschäftigen muss und wird: die Digitalisierung der Verwaltung und deren Auswirkung auf Kompetenzanforderungen und Qualifizierung.

„Verwaltung 4.0“…

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Staatsrat Lühr erläutert die Bremer Digitalisierungsstrategie

Als Gast schilderte Finanzstaatsrat Henning Lühr, in Bremen auch zuständig für Verwaltungsmanagement und IT, anhand der Bremer Verhältnisse und Pläne anschaulich und exemplarisch, was unter dem Label "Verwaltung 4.0" und "Arbeit 4.0" auf Verwaltungen und ihre Beschäftigten zukommen kann.
Die Bremer Digitalisierungsstrategie habe sechs Eckpfeiler:

  • die vollständige Digitalisierung der verwaltungsinternen Bearbeitungs- und Abstimmprozesse
  • den elektronischen Datenaustausch zwischen Behörden zur Vermeidung von Antragsverfahren und damit Entlastung von Bürger*innen und Unternehmen
  • die Konsolidierung und Standardisierung der Fachverfahren
  • die proaktive Veröffentlichung von Informationen zur Reduzierung von Anfragen von Bürger*innen, Unternehmen und Medien ("Transparenz als Selbstbedienung")
  • gute Arbeitsplätze mit funktionierender und ansprechender Hard- und Software zur Erleichterung des Büroalltags, höherer Effizienz und Gesundheitsförderung
  • und die Verbesserung der Zusammenarbeit mit dem Bund und anderen Ländern.

Als konkrete Projekte in den nächsten 5 Jahren nannte er beispielsweise

  • Prozessverbesserungen im "Back-Office" ("Daten laufen, nicht die Kunden")
  • verstärkte Entwicklung von elektronischen Mustergeschäftsgängen
  • flächendeckende Einführung von E-Akten (Einführung im Migrationsamt und E-Justice laufen bereits)
  • E-Rechnung (X-Rechnungsstandard, gemeinsames Projekt Bund und FHB, inzwischen auch NRW, Rheinland-Pfalz)
  • Flächendeckendes Terminmanagement mit Online-Terminvereinbarungen
  • E-Haushalt und automatisiertes Regierungscontrolling
  • Verbesserung des Transparenzportals: "automatische" Veröffentlichungen von Verträgen, Senatsentscheidungen usw.
  • Einführung einer elektronischen Bezahlmöglichkeit.

Zur Veranschaulichung stellte Lühr exemplarisch eine plakativ [FETT"eGeburt"] genannte Vision vor, wo, mit Zustimmung der Eltern, die Geburtsmeldung durch das Krankenhaus automatisiert im Zusammenspiel von u.a. Standesamt, Steuerbehörde, Elterngeldstelle und Kindergeldstelle dazu führt, dass Geburtsurkunden zugeschickt werden, Kindergeld gezahlt wird und ein vorausgefüllter Antrag auf Elterngeld bei den Eltern landet. Die Illusion, dass das einfach umzusetzen sei, raubte Lühr allerdings sofort mit dem Hinweis, dass eine solche Lösung konkret mehr als 30 Gesetzesänderungen bedürfe.

…und „Arbeit 4.0“

Lühr zeigte, dass solche Prozesse natürlich auch mit tiefgreifenden Veränderungen der Arbeit verbunden sind – Stichworte Arbeitsort, Arbeitszeit, Kommunikation, Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen, Führungs- und Organisationsstrukturen, Ermittlung, Analyse und Reduzierung von Belastungen, Qualifikation und Work-Life-Balance.
In der Summe ist das mehr als die Addition einzelner Maßnahmen. Es verlange einen "kulturellen" Verständigungsprozess über die Zukunft der Arbeit und neue, im Konsensprozess der Beteiligten basierte Regeln.

Klar, dass das auch umfassende Auswirkungen auf die Verwaltungsausbildung haben müsse. Lührs Kernthese dazu: Digitale Kompetenz ist nicht nur der Umgang mit neuen Werkzeugen, sondern die Fähigkeit, mit Wandel und Widersprüchen umzugehen.

Bremen arbeitet in einem groß angelegten, bis Ende 2019 laufenden und vom BMAS geförderten Projekt "Führung im digitalisierten öffentlichen Dienst" im Beirat und als Pilotorganisation mit; eines der Themen ist dabei "Digitalisierung und Ausbildung für Verwaltungsberufe", einer der Akteure dabei die Verwaltungsschule der Freien Hansestadt Bremen.

auch Berufsbildung 4.0?!

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Gabriele Jordanski bei ihrem Auftritt in Bremen

Daran schloss sich ein Vortrag von Gabriele Jordanski, beim Bundesinstitut für Berufsbildung zuständig für kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Dienstleistungen, an, der erste Ergebnisse des laufenden BIBB-Projektes "Berufsbildung 4.0 – Fachkräftequalifikationen und Kompetenzen für die digitalisierte Arbeit von morgen" vorstellte. Wie zu befürchten, war die öffentliche Verwaltung in diesem Projekt nicht vertreten; erste Erkenntnisse für den übergreifenden kaufmännischen Bereich sind aber vielleicht übertragbar.
Auch dort erschöpfen sich die neuen Anforderungen nicht in IT-Know-How, sondern umfassen Projektmanagement, interdisziplinäres, vernetztes Denken, Kommunikationsfähigkeiten, Sozialkompetenz, Umgang mit Komplexität, Entscheidungsfähigkeit, Selbststeuerungsfähigkeit, Selbstreflexion und Flexibilität.
Jordanski betonte, dass die Unternehmen erwarten, dass die Beschäftigten digitale Abläufe begreifen, digitale Anwendungen im richtigen Kontext nutzen und mögliche Folgen und Auswirkungen verstehen können, dass verstanden werden müsse, wie "herkömmliche Prozesse" mit digitalen Technologien und Medien umgesetzt werden und dass kontextualisiertes und anwendungsorientiertes Fachwissen (kein Faktenwissen) erforderlich sei. "Jederzeit mitdenken können ist unverzichtbar!" – auch, wenn Geschäftsprozesse automatisiert ablaufen…

Staatsrat Lühr bei seiner Präsentation

Selbstbewusste Digitalisierungsstrategie an der Bayerischen Verwaltungsschule

Michael Werner, Vorstand der Bayerischen Verwaltungsschule, erläuterte den Teilnehmenden strategische und operative Überlegungen zu Rolle und Aufgaben bei der Digitalisierung im staatlichen und kommunalen Bereich in Bayern. Die BVS sehe die Digitalisierung als Chance, um Arbeitsprozesse optimieren und künftig noch professioneller gestalten zu können – ohne dabei den Menschen aus dem Blick zu verlieren, und wolle ihre Kunden mit ihrem Qualifizierungsangebot unterstützen auf dem Weg in eine digitale Zukunft.

Vor dem Hintergrund des staatlichen bayerischen Masterplans sehe die BVS drei Handlungsfelder:

  1. die Digitalisierung in der Bildung mittels Entwicklung und Einsatz digitaler Medien in der schulischen und beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung einschließlich der Vermittlung und des Erwerbs der nötigen Medienkompetenzen bei Lehrenden und Lernenden mithilfe externer Bildungsträger
  2. die Entwicklung und Implementierung digitaler Methoden und Instrumente bei der BVS selbst, um den Bedarfen der am Lehr- und Lernprozess Beteiligten gerecht zu werden - einschließlich der Optimierung organisatorischer und kommunikativer Prozesse in allen Phasen der Durchführung von Bildungsmaßnahmen
  3. und die Entwicklung neuer und Anpassung bestehender Produkte in Aus-, Fort- und Weiterbildung vor dem Hintergrund einer dynamischen Entwicklung und Veränderung der Arbeitsinhalte, Arbeitsplätze, Berufsbilder und Organisationsstrukturen durch Digitalisierung bei ihren Kunden.

Auf allen drei Feldern hat die BVS ein eindrucksvolles Bündel an Maßnahmen entwickelt – und, so Werner, dafür auch reichlich Geld in die Hand genommen … Geld, das als Fördergeld zum Teil durchaus auch für andere greifbar wäre. Beispielhaft genannt seien nur

  • die Netzwerkbildung bei der Qualifizierung von Lehrkräften und die bruchstellenfreie Nutzung medialer Kompetenzen für lebensbegleitendes Lernen
  • die Erstellung eines pädagogischen Gesamtkonzeptes mit Digitalisierung - umgesetzt bis 2022
  • die Installation interaktiver Whiteboards mit Dokumentenkameras in allen 66 Lehrsälen - bis 2018
  • die Umstellung der Kundenkommunikation, der Lehrgangs-/Dozentenverwaltung sowie des Rechnungswesens auf papierlos digital - bis 2020
  • der Aufbau einer Projektmanager-Ausbildung mit Schwerpunkt Digitale Transformation
  • ein Zusatzmodul beim Verwaltungslehrgang II (ALII) "Digitale Herausforderung".
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Michael Werner im Plenum der Bundestagung

Mit bayerischem Selbstbewusstsein stellte Werner für die BVS in Sachen Digitalisierung u.a. fest: "Wir wissen was wir wollen" – "Wir wissen was wir können" … - "Wir werden wahrgenommen und man hört auf uns" … Und das Bekenntnis zum Risiko: "Wir sind flexibel und investieren in Entwicklungen, die wir nur partiell beherrschen."

Selbstbewusstsein empfahl der scheidende BVS-Vorstand, der letztmalig an einer Bundestagung teilnahm, auch allen anderen Bildungseinrichtungen der öffentlichen Verwaltung – und dem BVSI: Eine solch geballte Ladung an Kompetenz finde man nicht mal in Bayern ;-)

Blended Learning in Berlin

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Sigurd Romrod im Plenum

Über neue Wege konnte auch Sigurd Romrod, Leiter des Ausbildungszentrums an der Verwaltungsakademie in Berlin, berichten. Dort wird neben den bestehenden Verwaltungslehrgängen II ein Lehrgang eingerichtet, der durchgängig auf Blended Learning basiert. Er soll zwei Jahre dauern, 968 Unterrichtsstunden umfassen und berufsbegleitend flexible Lernzeiten im Wechsel mit Präsenzzeiten beinhalten.
Hintergrund sind in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsene Anmeldezahlen bei limitierten Raumressourcen. Mit dem Blended Learning wollen die Berliner die zwei i.d.R. bewährten Unterrichtsformate Präsenzunterricht und e-Learning miteinander kombinieren. Sie hoffen darauf, das Beste aus beiden Lernformen zusammenführen und im Ergebnis Lernziele effizient und effektiv erreichen zu können. Blended Learning Arrangements sollen – in Abstimmung mit der VAk, den Fachdozent*innen und Fachkoordinator*innen – durch eine Fachfirma erstellt werden.

Herausforderungen sieht Romrod neben dem didaktischen Gesamtkonzept vor allem darin, dass eine neue Dienstvereinbarungen notwendig werde – insbesondere zum Thema Arbeitszeit in den Selbstlernphasen, in der Schaffung einheitlicher technischer Voraussetzungen für die Lernenden, in der Sensibilisierung und aktiven "Mitnahme" von Teilnehmenden, Behörden und Lehrkräften sowie in der Gewinnung der richtigen Zielgruppe von selbstdisziplinierten und onlineaffinen Teilnehmenden.

Neues aus Niedersachsen

Prof. Dr. Michael Jesser (NSI Braunschweig), der schon im Vorjahr E-Learning Elemente aus Niedersachsen vorgestellt hatte, gab einige aktualisierte Informationen und trug neue Überlegungen vor, mit denen er z.T. auch seinem Vorredner widersprach. Auch er ermunterte zu E-Learning und plädierte insbesondere für mehr Flexibilität. So finde die Eignungsdiagnostik in Niedersachsen nicht mehr in gemeinsamen Räumen statt, sondern könne online von zu Hause aus vorgenommen werden. Im Lehrgang gebe es keine festen Lernblöcke mehr; stattdessen sollen die Teilnehmer*innen selbst entscheiden, wann, wo und womit sie arbeiten möchten. Da die Dozent*innen nur Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellen müssten, habe man auch keine Probleme wegen abzuändernder Arbeitszeitregelungen.

Vielseitiges "Rest"programm

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Das Tagungspräsidium... (v.l.) Gesine Wilke (Dresden/BVSI), Holger Wendel (Bremen), Katja Lessing (Bremen/Prot.)

Diese drei Schwerpunktthemen der Tagung – Aufstiegsfortbildung, Erneuerungsprozess der beruflichen Bildung im öffentlichen Dienst und Digitalisierung – wurden ergänzt durch zahlreiche weitere Beiträge, die in diesem Kurzbericht nur schlagwortartig erwähnt werden können:

  • Torsten Teubert aus Essen berichtete von einem neuen Ausbildungsangebot seines Studieninstituts, dem "Verwaltungswirt für den kommunalen Ordnungsdienst" - ein Thema, das auch an anderen Orten, insbesondere in Großstädten, virulent ist. Außerdem berichtete er vom "InOffice Stadt Essen", einer städtischen Ausbildungsfirma.
  • Thomas Miltkau von der Brandenburgischen Kommunalakademie informierte über die unklare und unsichere Situation der Studieninstitute bezüglich der Umsatzsteuerpflichtigkeit und regte einen Erfahrungsaustausch an. Er wird dazu einladen.
  • Birgit Moldenhauer (NSI Hannover) stellte einen digitalen "Roten Faden durch die Ausbildung" vor.
  • Dr. Patricia Grashoff (Bremen) erläuterte die Bremer Verwaltungsfachwirte-Fortbildung, die im dritten Jahr – die schriftliche Prüfung ist dann bereits absolviert – stark auf selbstorganisiertes Lernen im Projekt setzt und mit einer praktischen Prüfungsarbeit (als Hausarbeit) endet, in der die Teilnehmer*innen nachweisen müssen, dass sie in einer Frist von 2 Monaten ein aktuelles Thema (aus der Praxis) selbständig und fachgerecht bearbeiten und dabei Methoden wissenschaftlichen Arbeitens anwenden können. Die Ergebnisse ihrer Arbeit müssen sie in einem Kolloquium vertreten können.

Gastbeitrag „Inklusion“

Schon in den Vorjahren war auf den Bundestagungen festgestellt worden, dass die Öffnung der allgemein bildenden Schulen und der Ausbildungsverwaltungen für behinderte Menschen sowie die zunehmende Zahl von Auszubildenden mit sozialemotionalen und Verhaltensauffälligkeiten auch für Verwaltungsschulen und Studieninstitute eine Vielzahl von Fragen aufwirft. Petra Jendrich, Referatsleiterin für Berufsbildung bei der Bremer Senatorin für Kinder und Bildung, stellte in einem Gastbeitrag dar, welche Anforderungen und Regelungen es an den beruflichen Schulen in Bremen gibt. Dabei ließ sie Überlegungen aus der länderübergreifenden Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz einfließen.

Neues Personal - neue Unterrichtskonzepte - neue Aufgaben

Heterogenität in den Klassen, das schulgesetzliche Inklusionsgebot und die UN-Behindertenrechtskonvention haben dazu geführt, dass Schulleitungen zahlreiche Sonderpädagog*innen und Berufspädagog*innen mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung eingestellt haben und neben den unterrichtenden Lehrer*innen auch Sozialpädagog*innen, Psycholog*innen und Assistenzen in der beruflichen Bildung notwendig geworden seien.

Die Notwendigkeit binnendifferenzierten Unterrichts sei inzwischen in allen berufsbildenden Klassen – und allen Bildungsgängen – anerkannt. Die individuelle Beratung in Schule, Ausbildung und Arbeit stehe weit mehr als früher im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit.

Das Lehrpersonal an berufsbildenden Schulen sieht sich neben den originären „alten“ Aufgaben vor neuen Aufgaben: z. B. der Teambildung aller Professionen, notwendiger Feststellung von Lernausgangslagen, Unterricht in Lernsituationen/Projekten auf verschiedenen Lernniveaus und mit unterschiedlichen Lernzeiten.

Auch räumliche Anforderungen haben sich in den vergangenen Jahren entsprechend verändert: Die Schulen wünschten sich Klassenräume und Flächen für Differenzierung und vielseitige Formen des Unterrichts.

"Gelingensbedingungen"

Entscheidend sind nach Meinung von Frau Jendrich vor allem

  • die gute Kooperation zwischen der Schule, den Ausbildungsbetrieben und den zuständigen Stellen
  • offene Unterrichtskonzepte: Der Lernprozess müsse grundsätzlich und überwiegend von den Lernenden hinsichtlich Tempo, Niveau, Pausen, Lernumgebung, Hilfsbedarf, Methode etc. selbst gestaltet werden können, um so besondere Anforderungen, die aus Behinderung oder Sprachdefiziten resultieren, individuell anpassen zu können. Dazu gehöre Teamteaching und Fokussierung auf die Entwicklung der Selbständigkeit der Schüler*innen
  • angemessene räumliche und technische Ausstattung
  • und ganz wichtig: die Kollegien müssen den Weg gehen wollen und die Möglichkeit zu intensiver Fortbildung haben.

Bei all dem setzt Frau Jendrich durchaus auch auf Chancen, die mit der Digitalisierung verbunden sind.

Foto vom Plenum, jpg, 51.2 KB

Mit Blick auf ihre realen Möglichkeiten verursachten diese Anforderungen bei vielen Verwaltungsschul- und Studieninstituts-Leiter*innen eine gewisse Ratlosigkeit. Mit welchen Ressourcen sollen sie das realisieren?

Wo möglich, sollte im Zusammenwirken mit der Praxis sehr verantwortungsvoll bei der Auswahl von Auszubildenden vorgegangen werden. Denn eines bekräftigte Frau Jendrich auch: Die UN-Behindertenrechtskonvention ändere nichts daran, dass der Besuch von Bildungsgängen an Voraussetzungen geknüpft sei und zwar die Art der Erbringung von Prüfungsleistungen angepasst, nicht aber Umfang und Schwierigkeit der Prüfungsanforderungen verringert werden dürften.

Fotos von der Tagung im Schütting

Eindrucksvoller Exkurs: Moderne Kunst – Moderne Verwaltung – moderne Ausbildung?

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Weserburg-Direktor Peter Friese

Zu einem Highlight der Tagung wurde der abendliche Besuch des Bremer Museums "WESERBURG – Museum für moderne Kunst".

Seit 18 Jahren führt die Bremer Verwaltungsschule mit der Weserburg ein Kooperationsprojekt durch – für alle Klassen und Aufstiegslehrgänge, inzwischen auch in der Führungskräftefortbildung.

Museumsdirektor Peter Friese begrüßte die Teilnehmer*innen mit einem flammenden und eloquenten Bekenntnis zur aufklärerischen Funktion von Kunst, zur Auseinandersetzung mit "dem Anderen", zur Erweiterung des eigenen Horizonts.

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Marion Hermann (Verwaltungsschule) und Detlef Stein (Weserburg)

Der Kunsthistoriker und Museumspädagoge Detlef Stein und die Verwaltungsschullehrerin Marion Hermann erläuterten ihr Projekt „Offenheit, Kreativität und Wahrnehmungsfähigkeit“, in dem die Schüler*innen 40 Stunden Zeit haben, um in Gruppen und mit Unterstützung ein modernes Kunstwerk zu begreifen, sich aus verschiedenen Perspektiven anzueignen, auf Deutungen und – als letztem Schritt – darauf abzuklopfen, was übertragbar ist auf öffentliche Verwaltung und/oder ihre eigene Ausbildungs-/Lebenssituation. Dieser Prozess soll dafür öffnen, auch im beruflichen Leben unterschiedliche Perspektiven und immer wieder auch "Anderes" zuzulassen.

Couragierter Azubi-Auftritt

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Die vier Schülerinnen der VFA 16 B bei ihrer Präsentation

Und dann präsentierten vier freiwillige, mutige (nicht zufällig weibliche?) VFA-Auszubildende aus dem Jahrgang 2016 ihr Arbeitsergebnis aus dem gerade laufenden Projekt vor der versammelten Gruppe von Schulleiter*innen und standen anschließend noch Rede und Antwort – sehr beeindruckend! und, bei aller Einzigartigkeit, doch auch typisch für dieses Projekt, das schon so viele großartige Leistungen von Teilnehmenden hervorgebracht hat.
Aus Sicht von Verwaltungsschuldirektor Holger Wendel kann das Projekt einen ganz wichtigen Beitrag zur auch beruflich relevanten Persönlichkeitsentwicklung der Auszubildenden leisten.

Die Tagungsteilnehmer*innen in der Weserburg, jpg, 118.8 KB

Kostprobe moderner Kunst

Detlef Stein vermittelte im Anschluss in einer kurzen Führung anhand ausgewählter Kunstwerke der aktuellen Ausstellung "Proof of Life" eine Kostprobe davon, wie faszinierend, lebendig, anregend, aber auch streitbar und umstritten moderne Kunst sein kann. Für viele Tagungsteilnehmer*innen gerade nach dem Themen-Schwerpunkt Digitalisierung ein Fest für die Sinne (das im Übrigen der Maximilian-Verlag ganz im Sinne hanseatischen Mäzenatentums durch die Übernahme aller Kosten gefördert hat).

Eindrücke aus der Weserburg

Emotionales Ende

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55 Jahre Geschichte des Bundesverbandes - von Werner Finke ganz "analog" dokumentiert;-)

Die Tagung endete mit einer ganz besonderen Verabschiedung: Nach über 4 Jahrzehnten Zugehörigkeit und Teilnahme an den Bundestagungen des BVSI, zuletzt als Schriftleiter der DVP, verabschiedete sich Werner Finke, der sich schon am Vorabend bei einem ihm zu Ehren vom Maximilian Verlag spendierten Glas Sekt von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verabschiedet hatte.

handschriftliche Auflistung der Bundestagungen, JPG, 14.0 KB
- und fast alles selbst erlebt...

Thomas Bantle (Maximilian-Verlag) und Gesine Wilke würdigten ihn. Die besondere Pointe: Werner Finke hat sogar schon an der ersten und bis zu diesem Jahr einzigen Bundestagung in Bremen im Jahr 1975 – also vor 42 Jahren, wo manche*r Teilnehmer*in der Tagung noch gar nicht geboren war – teilgenommen.

Ausblick

Die Tagung war bedeutsam und ertragreich und sie hat, wenn man den vielen freundlichen Feedbacks glauben darf, den Teilnehmenden auch Freude gemacht. Insofern: ein Erfolg! Ob sie nachhaltig wirkt, hängt nun natürlich von der Fortsetzung der Arbeit – vor Ort, im Arbeitskreis, im Vorstand – ab.

Protokoll, Dokumente und die freigegebenen Präsentationen werden demnächst auf der Website des BVSI (www.bundesverband-online.info;demnächst www.bvsi-online.de?) veröffentlicht.

Nächstes Jahr findet die 56. Bundestagung vom 12. bis 14. November auf Einladung von Thomas Miltkau in Potsdam an der Brandenburgischen Kommunalakademie statt.

Tschüss und danke

Foto von einem Teil des Bremer Teams vor dem Schütting, JPG, 52.8 KB
"Färtich"...

Dem Team von der Verwaltungsschule Bremen (neben Holger Wendel und Patricia Grashoff Vanessa Bacher, Katja Lessing, Petra Rotermund und Tim Olsen) hat die Vorbereitung der Tagung viel Freude gemacht. Dass sie erfolgreich verlaufen ist und viele Teilnehmer*innen uns nach der Tagung ihre Zufriedenheit zum Ausdruck gebracht haben, gibt uns ein gutes Gefühl!
(Schade, dass wir beim nächsten Mal in 42 Jahren voraussichtlich nicht mehr dabei sein werden...)